Leseproben

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Unser Auftrag für heute Nacht lautete, vom Fuß der „Platte“ aus zu den östlich gelegenen Raketendörfern zu marschieren, um dort festgelegte Boxen abzulaufen.

Als wir 19 Uhr mit den Fahrzeugen den Rand der „Platte“ erreichten, hieß es: „Stopp! Keiner fährt runter!“ Allgemeines Raunen. Unser Zugführer und die Aufklärer, die in Transportpanzern vorgefahren waren, um das Gelände, in dem wir uns bewegen würden, vorzuchecken, hatten festgestellt, dass sich 15 mit AK 47 und RPG bewaffnete Personen im Einsatzraum befanden.
Uns drängte es, diese Leute zu stellen. Wir wollten, dass unsere Arbeit endlich einmal Früchte trug. Doch keine Chance! Die obere Führung ließ das nicht zu und befahl uns, vorerst auf der „Platte“ zu warten. Wir konnten nur zusehen, wie sich inzwischen die Gruppe langsam in Richtung Kunduz bewegte. Da hat man schon mal die Gelegenheit, Aufständischen bei ihren Vorhaben dazwischenzufunken, muss dann aber zusehen, wie sie in aller Ruhe davonspazieren konnten. Nicht zu glauben!

Erst als sich die Gruppe in sicherer Entfernung zu uns befand, durften wir starten. Grotesk! Die „Mungos“, mit denen wir runtergefahren wurden, kehrten wieder auf die „Platte“ zurück, da ihre Besatzung dort oben in Bereitschaft bleiben sollte, falls wir Unterstützung anforderten. In der Zwischenzeit sollten sie und die Besatzung zweier Transportpanzer unsere Patrouille durch die Dörfer überwachen.
Wir teilten uns wieder in zwei Halbtrupps, um nach Erreichen der Raketendörfer jeweils durch eine der beiden zugewiesenen Boxen zu patrouillieren. Für das flächendeckende Ablaufen eines solchen Areals benötigt man sechs bis acht Stunden. Um sicher zu sein, nach Abschluss der Patrouille das gesamte Territorium durchkämmt zu haben, beschlossen wir, uns an den so genannten Compounds, den einzelnen, meist mit hohen Lehmmauern umgebenen Gebäudegrundstücken, zu orientieren.

Abmarsch. Nach den ersten 50 Metern hatten wir bereits den ersten Kontakt. In einem Graben hatte sich anscheinend ein Beobachter versteckt. Wir riefen ihn an und richteten die Schockleuchten auf ihn. Er sprang sofort hoch, ließ einen Eimer fallen und plapperte aufgeregt irgendwas, das wir aber nicht verstehen konnten. Offenbar war er nur ein Bauer, der gerade Wasser aus dem Bach holen wollte, und den wir mächtig erschreckt hatten.
Die Verständigung stellt gewiss ein Problem dar. Die wenigsten Afghanen sprechen englisch, aber noch weniger Soldaten beherrschen ansatzweise die Sprachen Dari oder Paschtu. Ob es nun Sinn macht oder nicht, einige Grundbegriffe in der einen oder anderen Sprache zu lernen, sei mal dahingestellt. Selbst wenn man als Sprachgenie pro Tag nur drei Worte lernen und es dabei pro Monat auf vielleicht 90 Worte bringen würde, eine ergiebige oder nutzbringende Verständigung wage ich auf jeden Fall zu bezweifeln. Auch afghanische Sprachmittler beherrschen oftmals die Sprachen Deutsch und Englisch nicht perfekt. Wer weiß, was da manchmal übersetzt, hinzugefügt oder weggelassen wird. Mittlerweile werden von der Bundeswehr auch in Deutschland lebende Afghanen oder Iraner mit in den Einsatz genommen, was mit Sicherheit auch nicht unproblematisch ist.
Schwierig, zumindest für uns, ist auch die Unterscheidung zwischen Zivilisten, Sicherheitskräften, die keine Uniform tragen, und Feinden, die man nicht erkennt, weil sie rein äußerlich inmitten der Bevölkerung verschwinden. Manche Afghanen spotten über die Amerikaner, die bei ihren Luftangriffen Zivilisten nicht von den Taliban unterscheiden können, obwohl sie sich mit ihrer Luftwaffentechnik rühmen und behaupten, damit auch zentimetergroße Objekte auf dem Erdboden erkennen zu können. Wären die Taliban bloß zwei Zentimeter groß, würden die Amerikaner auch keine Zivilisten bombardieren. Aber die Aufständischen unterscheiden sich rein äußerlich nicht von den Bauern, es sei denn, sie sind offensichtlich bewaffnet. Selbst dann kann man sich nicht sicher sein, ob es sich dabei möglicherweise auch um nicht uniformierte Sicherheitskräfte handelt. So oder so, wir trauten hier niemandem.

Auf den Feldern herrschte in dieser Nacht eine regelrechte Völkerwanderung. Überall leuchteten kleine Taschenlampen, deren dürftige Strahlen den Boden nach irgendetwas abzusuchen schienen. Ungeachtet dessen steuerten wir nach und nach die verschiedenen Compounds an. Als sich dann aber eine Gruppe von etwa zehn Leuten mit ihren Funseln auf sicherer Distanz an unsere Fersen heftete, wurden wir langsam misstrauisch. Soweit wir das mit unseren Nachtsichtbrillen erkennen konnten, hielten sie alle einen langen starren Gegenstand in der Hand, bei dem es sich auch um eine Waffe hätte handeln können. Vorsicht war geboten. Wir beschleunigten unsere Schritte und suchten eine geeignete Stellung, wo wir eine gute Deckung hatten. Von dort aus wollten wir die Gruppe weiter beobachten, sie näher an uns rankommen lassen, um sie klar zu identifizieren. Wir reihten uns wieder nebeneinander auf, machten die Zielverteilung, klappten unsere LUCIEs hoch, entsicherten unsere Waffen und nahmen sie in Anschlag. Nun hieß es abwarten. Inzwischen ging unser Gruppenführer mit dem Beleuchter, also dem Schützen mit der Signalpistole, etwa 60 Meter abseits, um nötigenfalls das Täuschungsmanöver durchzuführen. Denn Schießen dürfen wir erst, wenn der Gegner auf einen Warnschuss offensiv reagiert. Hätte dann nur einer von denen in der Absicht, das Feuer auf uns zu eröffnen, gezuckt, hätten wir geschossen.

Die Gruppe kam näher und näher. Die Anspannung stieg. Nun war es soweit – nun war es wirklich soweit! In jedem Moment würde der Warnschuss fallen und dann...

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